Liebes Publikum,


Ich möchte mich Ihnen als neuer Leiter des piccolo teatro Haventheater in Bremerhaven vorstellen: Ich bin in München geboren, im Zusammenhang mit den Engagements meiner Mutter als Schauspielerin in Cuxhaven, Flensburg, Oldenburg und Neuss aufgewachsen, habe in Düsseldorf Englisch und Philosophie (Lehramt) studiert und an der University of London promoviert. Von 1994 bis 2017 war ich im Hochschuldienst in Wales und England tätig, zuletzt mit einem Lehrstuhl für Theaterwissenschaft an der University of Lincoln. Es freut mich sehr, dass ich meine Gedanken zum Theater nun nicht mehr nur in der Lehre und Forschung durch Unterricht und Veröffentlichungen mit anderen Menschen teilen, sondern im piccolo teatro ab 1.8.2019 für Sie in die Theaterpraxis umzusetzen kann.


Herr Roberto Widmer und seine Kollegen*Innen haben dieses ganz besondere Theater in Bremerhaven mit sehr viel Liebe zur Kunst des Theaters, und mit sehr viel Liebe für Sie, verehrtes Publikum, aufgebaut und zu großen Erfolgen geführt. Diese Liebe für Theater und Publikum teile ich mit Herrn Widmer und seinen Kollegen*Innen!


In diesem Sinne präsentiere ich Ihnen die vier Produktionen der Spielzeit 2019/20, vom September 2019 bis Juni 2020. Zusätzlich wird es Gastspiele geben, die kurzfristig auf der Webseite des piccolo teatro und in der Lokalpresse angekündigt werden. Auf der Webseite erhalten Sie später auch die Möglichkeit, uns Fragen zu stellen und dem piccolo teatro Ihre Anregungen oder Kommentare zu den Inszenierungen mitzuteilen.


Ich freue mich auf Ihren Besuch.


Daniel Meyer-Dinkgräfe



Nordsee-Zeitung 

Veröffentlicht am: 21.03.19


Neuer Chef macht ganz cool weiter

Hochgewachsen, stämmig, unerschrocken, freundlich lachend: Der Theaterchef in spe wirkt wie ein gemütlicher Teddy, den nichts aus der Ruhe bringen kann. Nein, er sei nicht vor dem Brexit geflüchtet. Der gewandte Erzähler, der einen Roman verfasst und für Amazon Hörbücher gelesen hat, lacht. Sein Blick ist durch den langjährigen Inselaufenthalt allerdings geschärft: „Die Engländer bringen sich gut in schlechte Situationen und gut wieder heraus, ohne zu merken, dass das gar nicht nötig gewesen wäre.“


So etwas soll in Bremerhaven nicht passieren. Meyer-Dinkgräfe hat die alten Spielpläne bereits studiert, weiß, wo er das Publikum abholen muss, weiß,  dass sich – bei knappen Finanzen – ein Drei-Personen-Stück nur rechnet, wenn er es mit einem Solo querfinanziert. Er verspricht, ein „anspruchsvolles, aber nicht zu schweres Programm ganz in dem Sinne, in dem ich das Piccolo Teatro vorfinde“.


Aus einer Schauspielerfamilie

Als erste Produktionen plant der Theaterchef „Die Erzählung der Magd Celine“ nach dem Roman von Hermann Broch, den Monolog einer in ihren Herrn verliebten Dienerin, und das altgriechische Drama „Die Perser“ von Aischylos in einer Fassung für drei Personen. Die englische Literatur, sein Spezialgebiet, werde stärker im Vordergrund stehen, kündigt Meyer-Dinkgräfe an.  Auch Gastspiele schweben ihm vor, ein Chansonabend mit Migranten oder eine Lesung mit Fernseh-Schauspielerin Nicola Tiggeler.


„In der Reihe der Bewerber, die sich auf meine Internet-Anzeige gemeldet haben, fiel mir Prof. Meyer-Dinkgräfe durch seine Lebens- und Arbeitserfahrung auf“, stellt Roberto Widmer fest. „Er ist kein  junger Heißsporn, der durch wilde Experimente das Publikum verschreckt, sondern geht mit Augenmaß ans Werk.“


Theaterluft hat der Bremerhavener Neubürger, der demnächst eine Wohnung in der Löningstraße beziehen wird, von Kindesbeinen an geschnuppert. Meyer- Dinkgräfe, 1958 geboren, stammt aus einer Schauspielerfamilie. Der Vater Michael Chevalier – „den habe ich nie kennengelernt“ – war ein gefragter Synchronsprecher, etwa als deutsche Stimme von Charles Bronson, Omar Sharif und Oliver Reed. Mit der Mutter – „den ,Iphigenie‘-Monolog, den sie immer als Übung  rezitierte, kann ich heute noch auswendig“ – zog der in München geborene Junge durch den Norden. Verlebte ein paar Kinderjahre bei Sulingen und in Flensburg, kam fünfjährig nach Cuxhaven, sechsjährig nach Oldenburg. 1969 endete das Wanderleben in Neuss.


„Meine erste Theaterrolle spielte ich mit sechs Jahren als Märchenpolizist in ,Aschenputtel‘“, erzählt Meyer-Dinkgräfe. „Der musste den verlorenen Schuh auf einem Kissen überreichen. Doch der Schuh war unbefestigt und plumpste herab. Während ich ihn aufheben wollte, löste sich auch noch mein Degen und fiel runter. Minutenlang habe ich meine Sachen zusammengesammelt und dann tapfer meinen nächsten Satz gesagt: ,Immer mit der Ruhe.‘ Da gab es Szenenapplaus.“


In der Schule spielte der theaterhungrige Junge noch den Junker Andreas in „Was ihr wollt“, den Bazillus in „Der tollste Tag“ und – „ein Teil meiner Abiturprüfung in Deutsch“ – den Geist des Dareios in den „Persern“. Einem Lehramtsstudium in Düsseldorf folgte die Ernüchterung: „Im damals neuen Gesamtschulsystem brauchte niemand einen Lehrer für die Kombination Englisch und Philosophie.“


Nach zwei Jahren als schlecht bezahlter Geschäftsführer einer jungen Firma für Computersoftware ging Meyer-Dinkgräfe nach England, schrieb in
London seine Promotion in Medienwissenschaft und verdiente sein Geld als Sprachlehrer. Als Dozent wirkte er von 1994 bis 2007 an der Universität
Wales, danach zehn Jahre als Professor in Lincoln – nicht weit von Bremerhavens Partnerstadt Grimsby, die er auch kennt.


Den Kontakt zum Theater habe er an der Uni nie verloren: „Das Studium der Theaterwissenschaften ist in England viel stärker praxisorientiert als bei uns.“ So habe er bei vielen Aufführungen der Studenten Regie geführt. „In Bremerhaven werde ich ebenfalls selbst inszenieren und auch auf der Bühne stehen“, verspricht er.


Zunächst aber sieht er sich vor Ort um und die Aufführungen im Piccolo Teatro an: „Ich war im Lale-Andersen-Abend, jetzt gehe ich natürlich in die ,Alte Liebe‘.“ Roberto Widmer meldet sich noch einmal zu Wort: „Das Tagesgeschäft hier hält einen in Atem, das wird er schnell merken.“